Meine Mutter sprach gelegentlich davon, dass sie abgespannt
sei.
Als Kind verstand ich, was es heißt, müde zu sein, aber unter abgespannt sein konnte ich mir nichts vorstellen.
Wenn Menschen abgespannt
sind, dann waren sie wohl zu lange angespannt und das Leben glich einer Bogensehne, die zu lange unter maximaler Spannung stand.
Das Wort abgespannt
leitet sich historisch von Zugtieren ab:
Nach getaner Arbeit spannt der Bauer die Ochsen oder Pferde vom Wagen ab, damit sie fressen, ruhen und neue Kraft schöpfen können.
Im Alltag vergessen Menschen diesen Rhythmus oft.
Erschöpfung ist keine Schwäche, sondern ein Signal des Körpers und der Seele, die göttliche Einladung zur Ruhe anzunehmen. In der Bibel findet sich dieses Gefühl der Erschöpfung beim Propheten Elia (1. Könige 19). Er hatte alles gegeben, war ausgebrannt, saß unter einem Ginsterstrauch in der Wüste und wollte nicht mehr. Elias Zustand zeigt: Selbst Menschen mit tiefem Glauben erleben Phasen, in denen sie am Ende ihrer Kräfte sind.
Wie reagiert Gott auf den abgespannten Elia?
Er schickt ihm keinen Vorwurf und keine neue To-do-Liste.
Gott schickt einen Engel mit Brot und Wasser und der einfachen Botschaft: Steh auf und iss!
Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Zunächst aber galt: Schlafen, essen und trinken, schlafen.
Ein heilsamer Rhythmus.
Gott begegnet Elia in dessen Erschöpfung mit radikaler Fürsorge: Ruhe ohne Bedingungen: Bei Gott müssen wir uns die Pause nicht durch Leistung verdienen.
Abspannen: So wie die Tiere vom Joch befreit werden, lädt Jesus ein: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!
Ich will euch erquicken.
(Mt.11,28).
Und vielleicht das Wichtigste: Der heilige Rhythmus: Schon in der Schöpfung ist der Ruhetag fest verankert.
Erschöpfung ist die Erinnerung daran, dass wir Geschöpfe sind, nicht der Schöpfer selbst.
Vielleicht haben manche Menschen verlernt, oder vergessen, welche Funktion Feierabend, Ferien, Vesper und Feiertag haben.
Ich will das Wort abgespannt
heute wörtlich nehmen: Bewusst die Schultern sinken lassen, tief ein- und ausatmen und eine Aufgabe von heute bewusst unerledigt lassen.
Ich gestehe mir ein: Ich darf jetzt abgespannt sein.
Gott sorgt für mich und für den Rest.
Gebet: Guter Gott, ich bin müde und abgespannt.
Meine Gedanken kreisen, und mein Körper sehnt sich nach Ruhe.
Ich spanne mich jetzt selbst ab von den Erwartungen des Tages und den Sorgen von morgen.
Ich lege dir meine Lasten zu Füßen.
Schenke mir deinen Frieden, der höher ist als alle Vernunft, und lass mich in dem Bewusstsein ausruhen, dass ich von dir geliebt bin – einfach, weil ich da bin.
Amen.
Bleiben Sie gesund und behütet.
Pastor Burkhard Heupel
Emmaus-Gemeinde