Das Wort zum Donnerstag

Das Wort zum Donnerstag

18.06.2026

Abschied auf Melanesisch

Unser Aufenthalt auf Papua-Neuguinea neigte sich 2008 dem Ende entgegen. Die Überseekisten waren gepackt, der neue Dienstort Berlin stand fest und wir waren als Familie zu einer kleinen Abschiedsparty eingeladen. Einige einheimische Kollegen, Nachbarn und offizielle Persönlichkeiten waren gekommen und hatten gegessen. Traditionell gab es Hühnchen (Kakaruk), Blattspinat (Kumu) und Süßkartoffeln (Kaukau).

Es stand noch das finale Händeschütteln an. Alle hatten sich in einer langen Schlange angestellt und wollten sich und mich verabschieden. Der erste in der Reihe äußerte sinngemäß folgende Worte: Alles Gute für die Zukunft. Wir sehen uns im Himmel wieder! Und wenn noch etwas zwischen uns steht, dann verzeih mir bitte. Ich war etwas verwundert, überlegte kurz, konnte mich an keinen Vorfall erinnern, der zwischen uns stand, und antwortete, dass alles in Ordnung sei.

Die nächste Person trat vor und reichte mir die Hand. Der Wortlaut war ähnlich. Auch dieses Mal fiel mir kein Ereignis ein, das ich den Worten zuordnen konnte. Alles zwischen uns sei in Butter, bestätigte ich. Erleichterung im Gesicht meines Gegenübers.

Auch die anderen aus der Reihe sprachen ähnliche Worte und mir dämmerte langsam, dass jetzt kein Orden verliehen wurde. Denn: Keiner hatte aufgezählt, wie viele Kurse in den Jahren angeboten und durchgeführt worden waren, keine Teilnehmerzahlen, keine Budgets. Kein Wort über erstellte Musikhefte, Instrumentenlieferungen und Unterrichtseinheiten. Es wurden keine Verdienste genannt, keine Lobeshymnen geschwungen und kein Bedauern über erfahrene Einbrüche und Überfälle geäußert. Überstunden und überdurchschnittlicher Einsatz – kein Thema.

Jetzt zählte nur eins: Wenn du zurück in dein Heimatland gehst, dann darf nichts zwischen uns stehen. Ich begriff: Zur Abschiedszeremonie in dieser Kultur gehörte die Gewissheit, dass die Beziehung nicht getrübt war. Kein Ereignis der Vergangenheit, und wir waren oft durch Dick und Dünn gegangen, war in diesem Moment wichtiger als die geordnete Beziehung.

Ich kapierte: Zum Finishing Well, neudeutsche Vokabel aus dem Business Wörterbuch, für einen guten Abschluss einer Aufgabe, gehört vieles: Eben auch der sogenannte reine Tisch. Dass alles Belastende vergeben und vergessen ist – dessen wollte man sich versichern. Was zählen schon Zahlen und Ziele. Gab es keine alten Kamellen, nichts, das noch brodelte, kein Dreck unter dem Teppich – dann, und nur dann, konnte man unbeschwert auseinandergehen. Versöhnung und Vergebung war jetzt angesagt. Die Kultur lehrte mich: Versöhnte Beziehung steht vor vollbrachten Leistungen. Lesson learned.

Bleiben Sie gesund und behütet.

Pastor Burkhard Heupel
Emmaus-Gemeinde

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