Das Wort zum Donnerstag

Das Wort zum Donnerstag

01.12.2022

Mein alter Nachbar

Ich freue mich, meinen alten Nachbarn nach langer Zeit wieder zu sehen!, sagt die junge Dame mir gegenüber in die kleine Runde. Zunächst überlege ich noch, ob sie mich meinen könnte, aber nachdem sie ihren Blick nicht von mir abwendet, komme ich zu der Überzeugung: sie meint mich. Stimmt, wir haben vor kurzem einige Monate als Nachbarn Haus an Haus gewohnt. Bin ich denn schon so alt, dass man mich meinen alten Nachbarn nennen könnte – frage ich mich?

Sprachlich komme ich meinem Gegenüber entgegen und frage nach, ob die Formulierung vielleicht etwas unglücklich gewählt ist und ihre Wiedersehensfreude sich eher auf ihren früheren Nachbarn bezieht. Sie bejaht – ich bin erleichtert.

Der alte Nachbar, ja, das kann sich auf das Lebensalter beziehen, oder auf eine Zeitspanne, in der man sich lange nicht gesehen hat: so wird man im Handumdrehen zum alten Nachbarn, obwohl die Anzahl der Lebensjahre noch überschaubar ist.

Die dunkle Jahreszeit bringt es mit sich, dass man die Nachbarn derzeit nicht so oft sieht. Für manche Menschen verknüpft sich diese Jahreszeit mit Depressionen, Trauer, Ängsten oder Einsamkeit. Menschen leben zurückgezogen. Das hat nicht zwingend etwas mit dem Lebensalter zu tun, oft eher mit den Lebensumständen.

Matthias Claudius' Abendlied Der Mond ist aufgegangen schließt mit den Worten: Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch Die gute Tradition, unsere Nachbarn mit uns selbst im Abendgebet vor Gott zu bringen, darf auch unser Handeln am Tag prägen: Gemeinde, Nachbarschaft, Politik und Gesellschaft leben von der Bereitschaft, das Leben und Leiden anderer wahrzunehmen. Sie leben von einem guten Miteinander und tragfähigen Netzen.

Vielleicht ist es gar nicht der kranke oder alte Nachbar, der Aufmerksamkeit benötigt. Vielleicht es die müde Mutter, der geschäftige Geschäftsmann, der abhängige Alkoholiker oder der juvenile Jugendliche, der ein offenes Ohr oder Zuspruch braucht.

Ich wünsche uns eine aufmerksame Sicht, kranke, alte, müde oder einsame Menschen in der Nachbarschaft wahrzunehmen und sie in unser Abendgebet einzuschließen. Und ihnen tagsüber im Gespräch, vielleicht bei Kaffee oder Tee und Gebäck, zu begegnen. Der Advent ist eine wunderbare Zeit dafür. Einfach mutig aufeinander zugehen.

Bleiben Sie gesund und behütet.

Ihr Pastor Burkhard Heupel
Emmaus-Gemeinde

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